Tradition verpflichtet

Seit 1782 in Neuenrade

“In einem hochgelegenen Thale des westfälischen Sauerlandes, nicht weit von den Quellen der Hönne und nur durch einen schmalen Gebirgskamm vom Lennethale geschieden, liegt das freundliche Städtchen Neuenrade. Dort hatte Johann Adolph Hempel auf Grund eines Privilegiums von Sr. Majestät dem Könige Friedrich II. vom Preußen vom 12. November des Jahres 1782 die erste Apotheke errichtet, und übte zugleich mit Erlaubnis der Regierung die ärztliche und wundärztliche Praxis aus.“

So  schreibt Heinrich Adolph Hempel (1792 – 1864), der Sohn des Apothekengründers Johann Adolph Hempel in der Einleitung zu seiner Autobiographie.

Hempels Vorfahren stammten aus Schweden. Der nach Deutschland übergesiedelte Ahne war Feldprediger in der Armee Gustav Adolfs.

Johann Adolf Hempel wurde 1750 als Sohn des Pfarrers Johann Adolf Nikolaus Hempel zu Berge geboren.

Schon mit vier Jahren Vollwaise erlebte er eine schwere Jugend. Während seiner Apothekerlehrzeit arbeitete er sich mühsam durch, sparte für die Zukunft und  kam nach Neuenrade.

Mit Hilfe einiger Freunde kaufte er ein am früheren Stadtgraben, “jetzigen Teich“, gelegenes Haus (heute etwa Lotto & Toto Huckschlag) und richtete dort seine Apotheke ein.

Er war ein strebsamer, gottesfürchtiger und lebhafter Mann, den man auch in seiner Eigenschaft als Arzt sehr achtete.

Besonderen Wert legte er auf die Einhaltung der preußischen Medizinalverordnung von 1725, die noch heute im Original in der Gertruden Apotheke aufbewahrt wird, signiert mit dem Gründungsjahr der Apotheke und der Unterschrift von Johann Adolf Hempel.

Im Jahre 1783 heiratete der junge Apotheker Anna Maria Goes aus Lüdenscheid, mit der er drei Kinder hatte. Da das Haus für die fünfköpfige Familie zu klein wurde, zogen die Eheleute später auf die andere Straßenseite am Eingang der Stadt (heutiges Provinzial Gebäude).

Durch einen tragischen Unfall wurde das Glück der Familie jäh zerstört. Am 9.November 1800 wütete ein schrecklicher Sturm in der Stadt. Johann Adolf Hempel wollte am nächsten Morgen in dem noch nicht ganz fertig gestellten Haus den Schaden begutachten und wurde von einem Brett auf dem Dachboden, das der Wind verschoben hatte, erschlagen.

Da noch keiner der Söhne die Apotheke fortführen konnte, stellte die Witwe Franz Vigelius aus Essen als Provisor ein. Diesen heiratete sie 1802 in der Hoffnung, das Glück der Kinder zu sichern.

Nach einer unglücklichen Ehe trennten sie sich 1814 freiwillig. Anna Maria blieb im Besitz des Vermögens und zahlte an Vigelius jährlich eine bestimmte Summe aus, die er an einem anderen Ort bis an sein Lebensende bezogen hat.

Der älteste Sohn Adolf erwarb die Kirchmeyer`sche Apotheke in Dortmund, der am 9. Februar 1792 geborene jüngste Sohn Heinrich bestand seine Lehrzeit von Ostern 1807 – Ostern 1811 in der Uhlendorf`schen Apotheke in Hamm und blieb dort als „Gehülfe“. Seine wissenschaftliche Ausbildung hatte er auf der Rektoratsschule in Lüdenscheid erhalten.

Nach einem  Intermezzo als freiwilliger Märkischer Jäger in der 1. Kompanie des 1. westfälischen Landwehrregimentes machte er dann sein Apothekerexamen vor der betreffenden Kommission in Dortmund, welches er „vorzüglich gut“ bestand und übernahm dann die Apotheke in Neuenrade.

Am 23. Dezember 1816 wurde ihm definitiv die Verwaltung der Neuenrader Apotheke von der Königlichen Regierung zu Arnsberg übertragen. 1817 heiratete er Marianne Kohlhagen, mit der er acht Kinder hatte, von denen vier sehr früh verstarben. So ruhten die Hoffnung auf dem jüngsten Sohn Leonhard, dass er einmal die Apotheke übernehmen würde.

Leonhard besuchte das Gymnasium in Dortmund und absolvierte anschließend seine Apothekerlehre in Wesel. Nach dem Studium in Berlin und bestandenem Staatsexamen unterstützt er in Neuenrade einige Zeit seinen Vater, ehe er nach Koblenz zog, wo er eine Apotheke gekauft hatte.

Nachdem seine Frau und seine Schwester, die seine Kinder im Apothekerhaushalt mit aufgezogen hatte, kurz hintereinander gestorben waren, zog er sich enttäuscht und vereinsamt aus der Apotheke zurück, verkaufte seinen ganzen Besitz und zog zu Verwandten nach Lüdenscheid, wo er am 12.Mai 1864 starb.

Sein Weggang in Neuenrade wurde allgemein bedauert, nicht nur wegen der zahlreichen öffentlichen Ämter. Er war langjähriges Mitglied im Gemeinderat, Beigeordneter des Bürgermeisters, Mitglied im Presbyterium und vor allem Schankwirt.

Auf diese Schankkonzession aus dem Jahre 1835 (Originalzahlungsbeleg im Stadtarchiv) geht der alljährliche Schnapsausschank zu Gertrüdchen  in der Gertruden Apotheke zurück. Da der Pferdemarkt in der Vergangenheit von vielen Fremden besucht wurde, die durch die Gasthöfe nicht ausreichend versorgt werden konnten, wurden für den Pferde- und Jahrmarkt Schankkonzessionen durch die Gemeinde vergeben. Das Geburtsjahr der unterschiedlichen Schnäpse der verschiedenen Apotheker und des Buba Bitter aus der Neuzeit ist also dokumentiert.

1862 kaufte Johannes Felix Strunden die Apotheke in Neuenrade. Durch die rasche Industrialisierung an der Lenneschiene  wuchs die Bevölkerung sprunghaft und so gründete Apotheker Strunden am 14.11.1870  eine Filialapotheke in Werdohl (Neustadtstr.).

1879 kaufte Wilhelm Thüssing die Neuenrader Apotheke mit der Filiale Werdohl und verlegte auf Grund des rasanten Wachstums die Hauptapotheke nach Werdohl. Die Neuenrader Apotheke wurde als Filialapotheke bis 1912 durch Provisoren weitergeführt. Viele Dokumente, Revisionsberichte und Zeugnisse der Provisoren  dokumentieren lückenlos die Filialapotheke in Neuenrade von 1872 bis zur Umwandlung in eine Hauptapotheke 1912.

Die Hauptapotheke in Werdohl leiteten von 1884 – 1908 Joh. Justus Theodor Felix Schmull und ab 1908 Hermann Werle. Von 1908 – 1912 war  F. Crone  Provisor in der Filiale Neuenrade und er muss sich wohl mit den Gedanken getragen haben, Neuenrade in eine Hauptapotheke umzuwandeln. In der Gertruden Apotheke liegen noch Pläne, die das Bauvorhaben beschreiben.

1912 kaufte Apotheker August Münninghoff das ehemalige Rathaus, das u.a. noch zwei Schulklassen, das Feuerwehrhaus, 2 - 3 Gefängniszellen, und zu früheren Zeiten das Amts- und das Stadtgericht beherbergte, an der Ersten Straße 16. Das Gebäude wurde in den heutigen Zustand aufgestockt und das Stadtwappen vom alten Rathaus übernommen. 1912 wurde die Filialapotheke Neuenrade wieder in eine Hauptapotheke, die Gertruden Apotheke, umgewandelt.

1919 wurde August Münninghoff Schützenkönig in Neuenrade. Nach 15-jähriger Tätigkeit bewarb sich Münninghoff 1927 um eine Konzession in Datteln und verkaufte Apotheke und Haus an Apotheker Alfons Maria Westhoff. Von September 1928 – 1949 führte er die Gertruden Apotheke, die er ab 1.Februar 1949 an seinen Schwiegersohn Karl Buntenbach verpachtete. 

Nach dem Tod von A. M. Westhoff 1952 und dem Tode seiner Ehefrau 1957 führte Karl Buntenbach als Besitzer bis zu seinem Tod am 12. Juni 1986 die Gertruden Apotheke. Im Jahr 1970 war Karl Buntenbach Neuenrader Schützenkönig.

Vom 1.Oktober 1986 bis zum 12. März 2007 führte Bernd Buntenbach als Pächter und nach dem Tode seiner Mutter bis zum 31.12.2007 als Eigentümer die Apotheke. Als echter Neuenrader wurde er natürlich auch von Kind auf Mitglied in der Schützengesellschaft und 1999 Schützenkönig.

Heinrich Hempel, aber auch die Kollegen des „letzten“ Jahrhunderts waren nicht nur Dienstleister vor Ort, sondern haben sich immer mit Ihrer Stadt identifiziert und sich in Vereinen und der Gemeinde engagiert. Als das Gertrüdchen durch die Kommunalpolitik in den 70er Jahren in eine Osterkirmes umfunktioniert werden sollte, hatte sich u.a. auch Karl Buntenbach stark für den Erhalt des Traditionsfestes eingesetzt.

Die heutige Überdachung der Gertruden Passage zum Gertrüdchen und der Buba Bitter locken auch bei extrem schlechter Witterung die Neuenrader und viele auswärtige Gäste auf den Wall.

Zu Beginn des Jahres 2008 hat Frau Apothekerin Alexandra Simons die Leitung der Gertruden Apotheke übernommen. Im Mai 2013 erfolgte dann der Umzug der Gertruden Apotheke in neue moderne Räumlichkeiten im Quartier am Stadtgarten.

Dort führt Alexandra Simons mit ihrem Team neben vielen Neuerungen die über 230jährige Tradition der Gertruden Apotheke fort. Dies gilt selbstverständlich auch für das Gertrüdchen. Buba Bitter wird anlässlich dieses Festes weiterhin in der Gertruden Passage an der Ersten Straße ausgeschenkt.

(Text: Alexandra Simons, Bernd Buntenbach, 3D-Visualisierung: www.dreiddd.de / Mit freundlicher Unterstützung von www.eco-plan.de)



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Gertruden-Apotheke

Frau Dipl.-Pharm. Alexandra Simons e.K.
Apothekerin

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